Lange musste der geneigte Leser sich in Geduld üben. Nun endlich folgt die Fortsetzung unserer kleinen Milieustudie – wie in Teil 1 rein subjektiv und stets mit einem leichten Hang zur literarischen Übertreibung. Der Umzug vom Bremer Großstadtviertel ins badische Ländle brachte einiges an Überraschungen mit sich, über die wir auch gut acht Jahre später noch so manches Mal staunen. Vorhang auf für Teil 2 des großen Clash of Cultures zwischen Fischköppen und Badensern!
Seit mehr als acht Jahren sitzen wir nun hier, im ländlichen Speckgürtel der Beamtenstadt Karlsruhe. Dass wir nach unserem Umzug aus Norddeutschland auf gravierende Unterschiede treffen würden, war uns schon vorher bewusst. Manche davon hatten wir schließlich lange herbeigesehnt: Das bessere Wetter mit viel Sonnenschein und höheren Temperaturen, die abwechslungsreiche Landschaft (Berge!!!) und – für zwei Historiker nicht unerheblich – die zahlreichen antiken und mittelalterlichen Kulturdenkmäler, die im Südwesten zu finden sind.
Andere Dinge wie den badischen Dialekt hatten wir zwar vorausgesehen, aber definitiv unterschätzt. (ja, langsam, ganz langsam, verstehe ich meine Nachbarn – zu vielleicht 80 Prozent). Doch es gab auch jede Menge kleine, aber feine Mentalitätsunterschiede, die uns eiskalt erwischt haben. Viel Spaß mit unseren schönsten Anekdoten!
6. Essen & Trinken
Keine Frage – das gastronomische Angebot in Bremen ist enorm: International, vielfältig und an jeder Straßenecke vorhanden. Doch wir haben es immerhin mit der zehntgrößten Stadt Deutschlands zu tun. Also staunten wir nicht schlecht über die vergleichsweise hohe Restaurantdichte in einem verschlafenen Kaff wie dem unsrigen. Kulinarik besitzt einen hohen Stellenwert in Baden, was vielleicht auch auf die große Nähe zu Frankreich zurückzuführen ist. Man geht unglaublich gerne essen und der Anspruch der lokalen Küche ist hoch.
Während man sich also in Bremen für die Kreation des »Rollo« rühmt (ein dünnes Fladenbrot, gefüllt mit allerlei genießbaren und ungenießbaren Zutaten), verzehrt man im Ländle als Fastfood-Pendant doch lieber liebevoll angerichtete »Mauldäschle« oder raffiniert belegte Flammkuchen. Eines muss man den Norddeutschen aber lassen: Beim Thema Tee reicht ihnen so schnell niemand das (heiße) Wasser!
Todsünde im Süden: Keine Tischreservierung gemacht, egal ob nur zu Randzeiten? Pech gehabt!
7. Karneval, pardon: Fasching!
Über das Thema Karneval im Norden gibt es nicht viel zu sagen: Es existiert dort schlichtweg nicht. Sollte es jemand wagen, am Rosenmontag auch nur dezent verkleidet zur Arbeit zu erscheinen, erntet derjenige im besten Fall ein nachsichtiges Kopfschütteln. Im schlimmsten wird er mit der unausgesprochenen Frage »Was für ein kranker Freak ist das denn?« konfrontiert, da der Bezug zum Feiertag erst gar nicht hergestellt wird.
Und auch mit der Terminologie kann man im Karnevals-Niemandsland wenig anfangen. Auf meine beiläufige Aussage zum Bürokollegen, dass ja übermorgen schon Weiberdonnerstag sei, traf ich auf irritierte Blicke und die ernst gemeinte Frage »Was ist das?«
So etwas wäre in unserer neuen Heimat gar nicht möglich, auch wenn Weiberfastnacht regional als »Schmutziger Donnerstag« bezeichnet wird (klingt richtig schön versaut, oder …). Weitere Irritation erntete ich als Ex-Rheinländerin mit der inkorrekten Bezeichnung Karneval anstelle von Fastnacht oder Fasching. Und als ich die Erzieherin fragte, welches Kostüm sie für den Anlass parat hätte, folgte eine mehrteilige Aufzählung: Jeden Tag ein neues Outfit – so muss das sein!
Todsünde im Norden: Sich als Karnevalsfan outen (bin ich zum Glück nicht ;-)). Ein Geständnis, das ohne Umschweife den sozialen Tod einläuten kann.
8. Angespannte Gelassenheit
Wer ist denn nun eigentlich entspannter drauf, die Norddeutschen oder die Kollegen aus dem sonnigen Süden? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten und nach mehrjährigen Feldstudien komme ich zu dem Ergebnis: Es kommt drauf an!
Während ich in Bremen mein Kind stets von oben bis unten eingesaut wie ein Waldferkel aus der Kita abgeholt habe, beschweren sich Eltern vor Ort, wenn die extra dafür angedachten Gummistiefel Spuren von Outdoor-Aktivität aufweisen oder Essensreste nicht zu 100 % aus dem Gesicht ihres Kindes entfernt wurden.
Auf der anderen Seite würde hier niemandem einfallen, Eltern für mäßig gesunde Lunchboxen oder Buffetbeigaben zu maßregeln oder sich über Plastikschnuller aufzuregen. Da war die Bremer Bio-Fraktion mit ihrem erzieherischen Impetus wesentlich aufdringlicher.
Sagen wir einfach: Das Ländle ist geprägt von tiefster Widersprüchlichkeit. Hörte man zu Beginn des Corona-Lockdowns und den ersten Nudel-Ausverkäufen hinter sich noch lockere Sprüche an der Supermarktkasse (»Ah jo, do esse mer halt Spätzele …«) wurde man später hysterisch an den Pranger gestellt, wenn man auch nur über das Thema Impfen nachdachte.
Todsünde im Süden: Zu viel Gelassenheit bei Themen wie Sauberkeit, Religion – oder Schulmedizin.
9. Arbeitsmoral
Ackern und zeitig aufstehen übt sich früh im Ländle. Spätestens ab Schuleintritt ist Schluss mit lustig und die erste Stunde mit Beginn um 7:35 Uhr keine Seltenheit. Das Schulsystem in BaWü ist berühmt-berüchtigt für Anspruch und Leistungsdenken. Und das kann ich in jeglicher Hinsicht leidvoll bestätigen: Da stehen Dinge für Klasse 4 auf dem Lehrplan, die zu unseren glorreichen NRW-Schulzeiten Stoff in Klasse 7 waren. Und die Klausurendichte fällt eindeutig höher aus als in den gemeinen Durchschnittsbundesländern.
Doch auch am Arbeitsplatz, im Vereinswesen oder selbst beim nachbarschaftlichen Wettstreit um die schönste Gartenanlage wünscht man sich manchmal nichts sehnlicher, als von der »Schaffe, schaffe, Häusle baue«-Mentalität nur einmal wieder in den Bremer »Alles latte«-Modus zu wechseln …
Todsünde im Norden: Sich über das Bremer Abitur lustig machen.
10. Familie
Heiliger als die Kirche oder die eigene Reputation ist hier nur eins: La Famiglia! Paare mit 4, 5 Kindern sind keine Seltenheit, während man in Bremen schon fast als spießig angesehen wurde, wenn man mehr als 2 Blagen produziert hat. Außer, man hat es irgendwie geschafft, als Frau trotzdem Vollzeit arbeiten zu gehen … Emanzipation geht schließlich vor!
Ob im Restaurant oder auf privaten Feiern: An die Kinder wird hier immer mitgedacht. Spielecken, Wickelräume, Hochstühle – alles vorhanden. Ich werde nie vergessen, wie wir einst ein ultra feines Bremer Restaurant in Bausch und Bogen verlassen mussten, da jemand die Windel bis unter den Nacken voll hatte – und es keinerlei Wickelgelegenheit gab. Sich mit uneinsichtigen Radfahrern um die raren Kinderwagenstellplätze in der Straßenbahn zu kloppen, war auch immer eine ganz besondere Erfahrung.
Todsünde im Süden: Kitabetreuung für unter Dreijährige!
