Wanderer zwischen den Welten. 10 Nord-Süd-Gegensätze. Teil 1

Der folgende Beitrag ist längst überfällig: Seit mehr als vier Jahren wundern wir uns über die großen und kleinen Dinge, die hier irgendwie anders laufen. Damals sind wir vom verregneten Bremen in ein schnuckeliges badisches Dörfchen umgezogen.

Natürlich hatten wir damit gerechnet, dass es Unterschiede geben wird: Schließlich hat es uns von einer weltgewandten, einkommensschwachen und irgendwie anarchischen Großstadt direkt in ein konservatives Nest mit traditionellen Werten und deutlich erkennbarem Wohlstand verschlagen, das von echten Einheimischen höchstens für einen Ausflug in »die Stadt« verlassen wird.

Doch der Vergleich mit anderen ländlichen und urbanen Regionen, die wir näher kennen, zeigt: Das erklärt nicht alles! Zeit also, sich mit dem »Clash of Cultures« zwischen Nord und Süd einmal ausgiebiger zu beschäftigen. Wichtig dabei: Wer Klischees findet, darf sie gerne behalten. 😉 Nur wenige Kilometer weiter, bei den berühmt-berüchtigten Schwaben, geht’s sowieso schon wieder eigen zu. Ich habe lediglich Spaß daran, gesammelte Beobachtungen und Erfahrungen zu teilen. Und lasse mich gerne darauf ein, wenn ihr anderes erlebt habt.


1. Pünktlichkeit

In Bremen hat mir der norddeutsche Hang zur Überpünktlichkeit schon so manchen Ärger eingehandelt. Getreu dem Motto: »Wer pünktlich kommt ist schon zu spät« saßen sogar in den Babykursen alle Mütter spätestens fünfzehn Minuten vor der Zeit im Raum und warteten – auf mich. Wie sie das nur schafft, hatte ich eine gefragt. Die Antwort: Mindestens eine Stunde früher losgehen und zur Not noch eine halbe Stunde um den Block rennen …

Was fühlte ich mich erleichtert, als ich hier zum ersten Mal zwei Minuten verspätet kam, mich in alter Gewohnheit in größter Demut entschuldigte – und nur ein müdes Abwinken erntete: »Entspannen Sie sich, Sie sind ja gar nicht wirklich zu spät! « Seitdem atme ich auf.

Todsünde im Norden: Zwei Minuten vor der Zeit auftauchen. »Wir warten schon …!«

2. Religion

Dazu folgende vielsagende Anekdote: Als sich jemand aus der Familie in NRW ein Dokument ausstellen ließ, um Taufpate in Bremen zu werden, wunderte sich die Beamtin folgendermaßen: »Ach, und bei den Heiden da oben brauchen Sie das? « Egal ob Stadt oder Land: Religion spielt im Süden einfach die größere Rolle. Atheisten suche ich bislang vergebens, während man in Bremen schon fast als wunderlicher Exot galt, wenn man angab, gläubig zu sein.

In unserer Gegend beherbergen sogar die sonst so liberalen evangelischen Kirchen wahre Hardcorechristen. Im konfessionellen Kindergarten fanden jedenfalls, neben dem Singen von Kirchenliedern und dem Malen von Bibelmotiven (z.B. die sieben Todsünden …) wenig andere Themen Platz.

Todsünde (wortwörtlich) im Süden: Erklären, dass man mit Gott und dem ganzen Kirchengedönse nix am Hut hat …

3. Freundlichkeit & Hilfsbereitschaft

Während uns in Bremen nur genervte Blicke trafen, nachdem unsere Tochter aus dem Kinderwagen gefallen war, trug mir ein Mann vor Ort mein verlorenes 10- Cent-Stück noch fast einen halben Kilometer hinterher. Extrembeispiele? Vielleicht. Tatsächlich jedoch ist man hier – zumindest vordergründig – freundlicher. Das fängt schon beim Bäcker an. In Bremen ist es schwer, einem Verkäufer wenigstens ein müdes Lächeln abzuringen. Und wehe, du hast im Restaurant einen Sonderwunsch …

Dabei muss man aufpassen, dass man die hier manchmal fast übertrieben wirkende Hilfsbereitschaft und überschwängliche Freundlichkeit nicht überinterpretiert. Tatsächlich habe ich es manchmal erlebt, dass Einladungen und Angebote offenbar aus purer Höflichkeit ausgesprochen wurden und man für Irritationen sorgte, als man diese tatsächlich annahm. Hier ist der Norden doch einfach ein Stück weit ehrlicher.

Todsünde im Süden: Eigentlich ist das Hindernis auf deiner Seite – und trotzdem wird man dir oft genug die Vorfahrt schenken. Wehe, wenn du das nicht sofort schnallst und losbraust …

4. Gesprächigkeit

Ich bin wirklich nicht ausnehmend geschwätzig. Und doch kam ich mir in Bremen oft wie die größte Quasselstrippe vor. Man sagt ja, über Babykurse könne man prima Kontakte knüpfen. Das ist bloß so schwierig, wenn alle sich konsequent anschweigen und wenig mehr hervorbringen als »Moin« und »Tschüss« … Erst nach einer gefühlten Ewigkeit – also zwei Kurszyklen später – bröckelte langsam das Eis. Aber ein Rest von Zurückhaltung ist bei den Bremer Mamis, die ich näher kennengelernt habe, immer geblieben.

Das sah bei den – zugezogenen – Kolleginnen und Kollegen von Anfang an anders aus.

Und hier im »Länd«? Ganz andere Welt! Da wirst du gnadenlos überall ins Gespräch verwickelt: Im Wartezimmer vom Arzt, an der Kasse im Supermarkt, gerne auch mitten auf der Straße. In der Regel bleibt es bei Oberflächlichkeiten. Aber es ist einfach nett, wenn Menschen spontan und offen ihre Gefühle mit dir teilen. 😊 Meistens, jedenfalls. 😉

Todsünde im Norden: Mit Vermietern/Ärzten/Kita-Erziehern und Co. über Dinge zu sprechen, die nicht unmittelbar mit der Sache zu tun haben. Ausgenommen vielleicht das »Schietwedder«

5. Sauberkeit & Ordnung

Sylvester in Bremen bedeutet Krieg! Schon den ganzen Tag über knallt es an allen Ecken und Enden der Stadt. Wem seine körperliche Unversehrtheit lieb ist, der betritt die Straßen der zentraleren Viertel nach ca. 21 Uhr nicht mehr. Der Dreck, der einen am Morgen danach erwartet, liegt jenseits aller Vorstellungskraft. Und es dauert Tage, an manchen Stellen gar Wochen, bis die letzten Spuren endlich beseitigt sind.

Was habe ich mich über das Schauspiel hier vor Ort amüsiert! Kurz vor 12 wird ein wenig Feuerwerk auf die Straße geschoben, das um PUNKT Mitternacht gezündet wird. Keine 15 Minuten nach dem Jahreswechsel sind bereits die letzten Sektflaschen eingesammelt. Dem Dreck vom Feuerwerk wurde fein säuberlich mit dem Handfeger zu Leibe gerückt. Am Morgen danach hätte man an eine Fata Morgana glauben können. 😉

Todsünde im Süden: Das Nichteinhalten der sogenannten Kehrwoche. Wenn du dich bei deinen Nachbarn unbeliebt machen willst, steht dieser Fauxpas eindeutig ganz oben auf der Liste …

Wanderer zwischen den Welten. 10 Nord-Süd-Gegensätze. Teil 1

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